Es hätten auch WIR sein können
Licht ins Dunkel bringen

Es hätten auch WIR sein können
Unter diesem Motto haben ehemalige und aktive Ministrant*innen der Katholischen Jugend Wolfenbüttel 2024 auf die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Hildesheim aufmerksam gemacht.
Wir wollten:
- unsere Haltung klar machen: Wir stehen auf der Seite der Betroffenen, nicht der Institution.
- Betroffenen Gehör geben
- Menschen unterstützen, die transparent aufklären
Warum wir aktiv geworden sind
Auslöser waren Missbrauchsfälle, die auch unsere Pfarrei betreffen. Der pensionierter Priester Georg M. missbrauchte Kinder, Hinweise gab es schon Jahrzehnte zuvor. Verantwortliche im Bistum – darunter der damalige Personalchef und spätere Weihbischof Heinz-Günter Bongartz – haben aus unserer Sicht nicht ausreichend gehandelt.
Als unser Pfarrer Matthias Eggers dieses Systemversagen offen kritisierte, wurde ihm von der Bistumsleitung vorgeworfen, er habe „dem Volk Gottes großen Schaden zugefügt“. Ihm wurde nahegelegt, sein Amt niederzulegen. Viele von uns empfinden das bis heute als ungerecht: Kritik an Vertuschung ist kein Schaden – sie ist nötig, damit sich etwas ändert.
Die Aktion in Wolfenbüttel
Unsere Antwort war: Wir zeigen Haltung – öffentlich sichtbar und gemeinsam.
- Über 800 Menschen kamen zu einem Solidaritätsgottesdienst, darunter viele Ministrant*innen in liturgischer Kleidung.
- Wir trugen Weiß als Zeichen für Solidarität mit Betroffenen und für den Wunsch nach Licht im Dunkel.
- In der Kirche hingen weiße und schwarze Luftballons:
- weiße für die bekannten Missbrauchsopfer im Bistum,
- schwarze für die viel größere Dunkelziffer.
- Bei einer Prozession zeigten wir mit einer Karte und Stecknadeln, wie verbreitet Missbrauch in unserem Bistum ist, und verteilten Rosen mit Infokarten, um das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu tragen.
- Eine unserer Ministrantinnen sprach vor dem Bischof selbst und überreichte ihm eine Kerze mit der Aufschrift „Licht ins Dunkel bringen“. Nachträglich beschreibt die Hildesheimer Zeitung diese Rede als „Eine Messdienerin, die dem Bischof die Leviten liest“.
Unsere Botschaft: Es hätten auch WIR sein können. Missbrauch ist kein fernes Problem – er betrifft reale Menschen in unseren Gemeinden.
Was wir fordern
Aus der Aktion heraus haben wir drei zentrale Forderungen formuliert:
- Konsequente Aufarbeitung
Das Bistum soll sein Versprechen einlösen, „jeden Stein umzudrehen“: alle Fälle prüfen, Betroffene ernst nehmen, Empfehlungen aus Gutachten umsetzen. - Kritik zulassen, nicht bestrafen
Menschen, die Missstände benennen, sind keine Störenfriede, sondern helfen, die Kirche glaubwürdiger zu machen. Kritik an Strukturen darf nicht mit Druck oder Drohungen beantwortet werden. - Rehabilitierung von Pfarrer Eggers
Die Aussage, er habe „dem Volk Gottes großen Schaden zugefügt“, soll zurückgenommen werden. Sein Engagement für Betroffene und Transparenz erfährt in unserer Gemeinde, der Stadt Wolfenbüttel und darüber hinaus große Unterstützung.
Was seitdem passiert ist
Seit unserer Aktion haben sich einige Dinge entwickelt:
- Weihbischof Heinz-Günter Bongartz ist vorzeitig zurückgetreten. Offiziell wurden gesundheitliche Gründe genannt. Zugleich war seine Rolle in der Vergangenheit – insbesondere im Umgang mit Missbrauchstätern als Personalchef – stark kritisiert worden. Für viele ist sein Rückzug ein wichtiges, aber längst überfälliges Signal.
- Beim früheren Bischof Heinrich Maria Janssen hat das Bistum anders entschieden:
Obwohl mehrere Betroffene ihm sexuellen Missbrauch vorwerfen und sich für seine Umbettung eingesetzt haben, bleibt er in der Bischofsgruft unter dem Hildesheimer Dom. Die Gruft wurde zwar für die Öffentlichkeit geschlossen und mit einem Hinweis auf die Vorwürfe versehen – doch ein Missbrauchstäter liegt weiterhin unter dem Dom begraben. Viele Betroffene empfinden das als verletzend und als verpasste Chance, echte Konsequenzen zu ziehen.
Diese Entwicklungen zeigen: Es bewegt sich etwas – aber Aufarbeitung bleibt unvollständig, solange Täter weiterhin symbolisch geehrt werden und Fehler nicht klar benannt werden.
Unser Standpunkt
Wir als Katholische Jugend Wolfenbüttel sagen:
- Wir stehen klar an der Seite der Betroffenen.
- Wir wollen eine Kirche, die Fehler eingesteht, Verantwortung übernimmt und Strukturen ändert.
- Wir glauben, dass Transparenz, Kritik und Beteiligung der Jugend keine Gefahr, sondern eine Chance für eine erneuerte Kirche sind.
„Es hätten auch WIR sein können“ ist für uns ein bleibender Auftrag:
Wir schauen nicht weg. Wir mischen uns ein. Und wir setzen uns dafür ein, dass Missbrauch aufgearbeitet wird – konsequent, transparent und im Sinne derer, die leiden mussten.
Weitere Informationen
Eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse samt Zeitungsartikeln und weiteren Details gibt es auf unserer Aktions-Website:
